Aktive Erholung

Die Vorteile der Zivilisation liegen auf der Hand. Schön Fresserchen, Bettchen, leckeres Frühstück (leider ohne Ei), nach dem Frühstück nochmal kurz unter der Decke einmuscheln. Auf der anderen Seite macht das extrem träge. Wir kamen heut morgen überhaupt nicht aus der Hüfte. Es könnte aber auch an dem Monstertag gestern gelegen haben. Oder aus einer Mischung aus beidem.

Wir kamen gestern zu dem Schluss, dass man das ganze Bohei viel besser schätzen lernt, wenn man vorher einige Zeit spartanisch unterwegs ist. Die permanente Selbstgeiselung auf den Rädern, Nächte auf der Isomatte, frieren, kochen mit zwei Töpfen und einer kleinen Gasflasche. All das schärft den Blick für das Wesentliche und man merkt, was wirklich wichtig ist. Zumindest denkt man das. Im Vergleich zu anderen Menschen in ärmeren Regionen der Welt ist das wiederum der absolute Luxus. Nicht zur Arbeit zu müssen, die Kohle für das alles gespart zu haben. Denkt bitte, so wie ich dann auch, auch an das Spendenprojekt, wenn ihr das Lesen genießt. Jeder Euro zählt (https://join.worldbicyclerelief.org/Bilbao-Berlin). Genug philosophiert. Es geht zur Etappenbeschreibung.

3 Gänge für 30 Euro waren top. Lediglich der halbe Liter für 9 Euro war preislich etwas albern.

Nach dem überbordenden Frühstück räumten wir unsere Räuberhöhle auf, in der wir über Nacht auch die Wäscheleine spannten, um alles zu trocknen. Da sich nachts fliegende Ameisen zu uns gesellten, mussten wir die Fenster schließen. Was für ein Aroma!

Der Pumakäfig. Können die erstmal renovieren das Zimmer.

Erst um 10 fuhren wir los. Um uns herum unzählige Skilifte. Die Wolken verhingen den Himmel und wir hatten etwas Angst in den Regen zu fahren. Als wir linker Hand einen Fahrradladen im Hauptort Valloire sahen, hielten wir eben. Uwe ließ sich die Schaltung justieren. Worüber soll er dann die folgenden Tage am Anstieg fluchen? Außerdem holte er sich ein Finishershirt für die drei letzten bezwungenen Klopper. Meine Bremsscheibe vorn kreischt seit ein paar Tagen, sodass wir keine Murmeltiere mehr zu Gesicht bekamen. Die Jungs in der Werkstatt waren echt super nett und schnell. Vorne bekam die Scheibe einen fetten Strahl Bremsenreiniger. Die Scheibe war vorher ölig. Hinten gab es neue Backen, da diese fast herunter gefahren waren. Eine neue Trinkflasche kaufte ich auch noch. Damit sollte ich jetzt bis Berlin kommen! Es begann mit Ankunft am Shop hart zu regnen. Eine sinnvolle Pause in jedem Fall.

Da unten werden gerade meine Bremsbacken erneuert.

Ab Valloire ging es in den Aufstieg zum Telegraph. Nur 300 hm auf 6 Kilometer und schon standen wir oben. Ich hörte Uwe hinten fluchen, seine Schaltung war laut eigener Aussage sch$#%e eingestellt. Glück gehabt. Oben gab es das Passfoto. Die Abfahrt war 16 Kilometer lang und wesentlich anspruchsvoller als von unserer Seite. Es ging heute wieder den ganzen Tag über die Strecke der 2019er Tour. Als die Fahrer in Valloire ankamen hatten sie übrigens den Vars, Izoard, Lauratet und Galibier in den Beinen. Aber ohne Gepäck kann das wohl jeder.

In Saint-Martin-d’Arc angekommen, bogen wir Richtung Osten ins enge, von steil aufragenden Gipfeln begrenzte Mauriennetal. Hier müssen ein Fluss, eine Autobahn, Zuggleisen und eine normale Straße hereinpassen. Es war folglich nicht besonders schön. Nach kurzer Zeit bog der Track nach links über Serpentinen in den Berg hinein. Nach 250 hm waren wir in Orelle. Nur um dann wieder herunter zu fahren auf die eigentliche Talstraße. Im Prinzip sinnlose Höhenmeter. Das liegt an mir. Ich habe die gesamte Strecke in mühevoller Kleinstarbeit zu Hause am Computer geplant. Leider ist die Software manchmal etwas bekloppt und baut solche Fehler ein. Obwohl ich alles doppelt gegen gecheckt habe, sind immer mal wieder solche Fehler enthalten.

Unsere Talstraße mit Autobahn links und Gleisen rechts.

Gerade sagte ich zu Uwe, was ich denn überhaupt schreiben solle. Es passierte überhaupt nichts. Und endlich war unsere Straße gesperrt. Das bedeutete, dass wir eine Umleitung auf der anderen Seite fahren mussten. Und in den Bergen bedeutet das eben heute, dass wir in Serpentinen 250 Höhenmeter hoch und danach wieder runter mussten. Aus unserer aktiven Erholung wurde langsam aktive Anstrengung.

Da war Schluss. Die Tour folgte wohl auch der Umleitung. Der Asphalt war wieder voll bekritzelt.

In Freney stärkten wir uns an einem Intermarche. Ich hatte gar keinen Hunger. Trotzdem hauten wir uns in weiser Voraussicht Baguette, Käse, Leberpastete und Cola rein. Der Parkplatz war dabei eine schöne Kulisse.

Ab Fourneaux querten wir den Fluss und bogen auf die D215. Ab hier ging es bis Aussois nur noch bergauf, zum Teil in Rampen mit 13 % Steigung. Obwohl wir nur 47 Kilometer und 1150 Höhenmeter in den Beinen haben, waren wir ziemlich fertig, als wir 15:00 auf dem Camping Municipal ankamen.

Der Blick zurück kurz vorm Ziel.

Ankunft in Aussois.

Später wird gekocht. Es gibt keine Tische und Bänke. Aber der Spielplatz sieht vielversprechend aus. Es gibt Garnelen mit gebratenem Gemüse in Sojasahne. Dazu Reis. Das Wetter war heute wechselhaft. Es regnete zwischendurch immer mal und es ist deutlich kühler. Heute Nacht ziehe ich auch noch Beinlinge, Merinoshirt und Mütze an. Es soll auf 7 Grad herunter kühlen. Morgen geht es auf den Iseran. Nach 50 Kilometer Anfahrt der letzte richtige Hammer. Der Wetterbericht verspricht wolkenlosen Himmel. Anders als bei der Tour dieses Jahr. Dazu morgen mehr.

2 Kommentare

  1. Vor Moskau 1941/42 war es kalt. Verdammt kalt.
    Aber schlechte Witze helfen beim Einschlafen und gegen Kälte.

    Die Indianer in einem abgelegenen Reservat gehen zu ihrem neuen Häuptling und fragen, wie kalt der nächste Winter wird. Da er die geheimen Künste seiner Vorfahren nie gelernt hat, befiehlt er seinen Brüdern, Feuerholz zu sammeln, ruft aber auch den Wetterdienst an und fragt: „Wie kalt wird der Winter?“ „Sehr kalt“, lautet die Antwort. Der Häuptling kehrt zurück zu seinen Stammesbrüdern und trägt ihnen auf, mehr Feuerholz zu sammeln.
    Eine Woche später ruft er wieder an: „Sind Sie sicher, dass der Winter sehr kalt wird?“ „Vollkommen sicher.“ Der Häuptling befiehlt seinen Stammesbrüdern, noch mehr Feuerholz zu sammeln. Eine Woche später ruft er noch einmal an. „Sind Sie immer noch sicher?“ „Ja, es wird der kälteste Winter seit Menschengedenken.“
    „Woher wissen Sie das so genau?“ „Weil die Indianer wie verrückt Feuerholz sammeln!“

    Schlaft schön!
    Kuscheln hilft auch.

    • Hi Ralf,

      danke für deine extrem lustigen Witze 😉

      In Stalingrad solls im Winter auch kühl sein, hab ich gehört.

      Ich werde schon anonymerweise gefragt, ob du nicht etwa Geschichtslehrer bist. Willst du dich dazu äußern?

      VG, wir sind fast oben!

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