Tour d’Honneur – das wars, Sportfreunde – mein Fazit

Alter Spanier, Franzose, Baske, Katalone, Eidgenosse, Liechtensteiner, Bayer und Deutscher! Himmel, Arsch und Zwirn. Was für eine Tour! Nach all der Planung, dem hin und her. Welche Strecke ist die beste? Was ist realistischerweise zu schaffen? Übertreibe ich es nicht? Die Umplanung in den Pyrenäen, weil es nicht machbar war für mich. Ich habs geschafft, 4000 km, 56000 Höhenmeter, 53 Pässe, 125.000 verbrannte Kilokalorien (das sind rund 125 Dönnerteller mit Pommes und Salat alles). Juhuuuuuuu!

Gestern fuhren Ulli und ich die letzte Etappe. Es wurde nicht mehr angegriffen, wie üblich zum Ausrollern. Das Ganze war lang, 115 Kilometer, aber alles sehr entspannt und erfreulich. Bis Schönefeld ging es geradeaus, bis auf die beiden Kurven im Fläming.

Gelöste Stimmung. Nichts konnte uns mehr aufhalten.

Nach einer Bockwurstpause in Mellensee steuerten wir Richtung S-Bahn Schönefeld. Dort wartete unser Abholkommando. Silka, Buchi, Uwe. Es waren also alle meine Tourenbegleiter dabei. Wir fuhren über den Mauerradweg in die Stadt. Silka und Uwe überraschten mich mit 3 Kreidekunstwerken a la Tour de France und wir nutzten die Motive für das Ankunftsfoto.

Das Fahrerfeld zusammen.

Authentisches Stimmungsbild.

Buchi hatte zum Glück für jeden ein Radler dabei.

Uwe verabschiedete sich am Baumschulenweg, Ulli an der Frankfurter Allee und Buchi an der Schönhauser. Danke Leute, für den tollen Empfang und die Begleitung auf der irren Tour. Ohne euch wäre es um Unlängen schwerer gewesen, die Geschichte durchzustehen.

Mit Silka war ich noch beim Vietnamesen des Vertrauens. Endlich! Um 18 Uhr stand ich vor der Haustür. Bilbao – Berlin mit dem Fahrrad, nach ganz genau 9 Wochen seit unserem Abreisetag. Es gibt da einen Radweg und ich habe mal eben fast den ganzen Sommer gebraucht, um ihn abzufahren.

Mir tut heute zum ersten mal alles weh, trotzdem geht es mir gut. Der Spannungsabfall ist deutlich, jetzt heißt es gesund bleiben! Fahrrad und Taschen habe ich schon geputzt. Rad sind wir auch schon gefahren. Einkauf und andere Dinge. So ganz ohne Radeln gehts halt nicht.

Der Weg war das Ziel. Abgedroschen, aber so war es! Ich bin froh, dass es vorbei ist. Ich bin traurig, dass es vorbei ist. Ich begreife es noch gar nicht wirklich. Es gibt einen Radweg von Bilbao nach Berlin. Und ich bin ihn gefahren. Nicht den direkten, den anspruchsvollen!

Warum? Weils geil ist, weil Radfahren genau die richtige Geschwindigkeit zum Entdecken bietet und nicht stinkt, weil es eine Herausforderung und Grenzüberschreitung war, weil ich die Zeit dafür hatte, weil ich die Natur und vor allem die Bergwelt liebe, weil der innere Schweinehund ein Schweinehund ist…

Natürlich dürfen wir die Spendenaktion nicht vergessen. Noch einmal der Aufruf: das hier habe ich alles auch für das Spendenprojekt in Sambia gemacht. Danke an alle, die schon etwas gespendet haben. Denkt einmal kurz daran, was man zum Beispiel mit 10 Euro in Afrika bewirkt und welchen Lebensstandard man hier mit dieser kleinen Spende einbüßt. Das soll als letzter Abstoß reichen. Übrigens wird die Spendenaktion noch bis Ende September verlängert, auch wenn auf der Spendenseite nur noch ein paar Tage stehen. Es sind fast 1500 Euro zusammen gekommen, nur von Familie, Freunden, Bekannten. Das entspricht mindestens 12 Mädchen, die zur Schule können und nicht als Analphabeten und ohne Bildung enden. Die Welt ist dadurch ein Stück besser. Ein Tropfen auf den heißen Stein? Schaut euch die Nachrichten an, jeder Tropfen dieser Art ist mir lieber als all die negativen Entwicklungen auf unserem Planeten.

Ich erinner mich gerade kaum an Details. Was waren die besten Momente? Was waren die Tiefpunkte? Fragt mich in 3 Monaten! Der Blick geht in die Zukunft: Ich habe schon wieder Ideen für die nächsten Radabenteuer. Berlin – Kopenhagen, Osteuropa, Balkan, Istanbul – Berlin. Für später: USA, von West nach Ost! Ich bin noch jung und frisch, zum Glück! Silka und ich werden noch eine kleine Reise hinten dran hängen, ganz ohne Rad fahren denke ich nicht, aber eher den Fokus auf Wandern, Kultur und Natur. Wieder etwas anderes.

Teilweise fühle ich mich, als ob ich etwas Übermenschliches geleistet hätte. Aber das ist Unsinn! Der Mensch ist gemacht für diese Leistungen, nicht dafür, den ganzen Tag zu sitzen. Sicher war es trotzdem überdurchschnittlich.

Gleichzeitig weiß ich um das Privileg, solch eine Tour machen zu können. Wir alle haben Verpflichtungen: Versicherungen, Rente, Haus, Auto. Wer soll das alles bezahlen? Ich weiß noch, als Silka und ich vor 3 Jahren im schönen Machteburch (Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt) beim Italiener saßen. Silka meinte, wir müssten noch was starten, etwas im Ausland machen. Nach 2 Minuten war ich Feuer und Flamme. Nach 2 Wochen lag der Antrag für ein Sabbatjahr bei meinem Chef im Fach. Und er wurde genehmigt! Fast spontan bin ich hier reingeschlittert. Silka war noch Studentin und ich verzichtete mal eben für 3 Jahre auf 33 % Gehalt. Und ich bin froh, denn es war die richtige Entscheidung. Ich verzichte auf Geld. Aber das ist es alles wert. YOLO, man lebt nur einmal! Geld kann man nicht mit ins Grab nehmen. Wir haben zu Hause ausgemistet, uns von unnötigen Dingen getrennt in den letzten Jahren. Und seitdem nur noch Sachen gekauft, die wir wirklich brauchten. Keine Spontankäufe mehr, kein unnützer Mist. Und das ist gar nicht so einfach. Der Gürtel ist seitdem enger und das fühlt sich gut an. Tschüss Konsumismus, naja zum Teil. Mittlerweile ist der Konsum und das sich gönnen durch ein neues frisch erworbenes Etwas zum Lebensstil mutiert.

Ich war erst kein Freund des Blogs, bin aber froh, dass ich ihn geschrieben habe. Im Nachhinein noch viel mehr! Ich habe hier einiges verarbeitet, während maximaler Belastungen. Zum Teil auch intimere Gedanken. Diese zeigen, dass ich nicht perfekt bin. Natürlich nicht! Dass ich zweifelte, litt, unfaire Einschätzungen für ganze Nationen gab. Ich wollte aber nicht nur von tollen Bergen, rauschenden Flüssen, der Gams und dem tollen Abenteuer schreiben. Ich habe versucht, ein möglichst authentisches Bild zu zeichnen. Ein sehr subjektives natürlich. Ich habe von Schlüchten, Baudenzügen und Zahnriemen geschrieben. Ich habe Kommata vergessen und der ein oder andere hätte das alles ganz anders und sicher besser gemacht. Vielleicht dachte manch einer auch: dieses Gejammer geht gar nicht. Und wieso lästert der Idiot über meine französischen Freunde? Aber wie gesagt, alles ist subjektiv und ehrlich geschildert. Eben meine Sicht der Dinge in der speziellen Situation.

Ich versuche es spontan und nenne in Stichworten Highlights: die Geier in Aktion auf einem der schwersten Anstiege meines Lebens. Die Bergwelt im Allgemeinen, die tollen Ausblicke, die dramatischen Straßenverläufe. Meine Einfahrt in die Verdonschlucht. Die Unterstützung von Vielen, sei es durch Nachrichten, Anrufe, Kommentare. Kontakt zu Leuten, von denen ich Jahre nichts mehr hörte. Die Route de Cols in den Pyrenäen. Der Tourmalet, der Ventoux, der Bonette, der Galibier am Ende der Kräfte, der Izoard. All die endlosen Anstiege und die Freude, es geschafft zu haben. 53 mal! Die meisten Abfahrten. All die hilfsbereiten Leute unterwegs. Die Einladungen von Wildfremden und deren entgegengebrachtes Vertrauen. Gespräche mit völlig Fremden. Unser spanischer Freund aus den Pyrenäen („Si Si, very hot today. Team Escargot on the road. Hello my Friend!“). Was ein positiver Kerl und der hat doppelt so viel gelitten. Ein absolutes Vorbild! Die Hitzeschlachten, die erfrorenen, feuchten Nächte, die Fahrt durch die Regenhölle. Die uns beinahe tot fahrenden Autos/Busse. Qualen, die ich heute schon wieder vergessen habe, die aber definitiv zu den härtesten meines bisherigen Lebens gehören. Selbstgespräche in endlosen, steilen Anstiegen. Die unmöglichen, unerfreulichen Menschen, Egoisten, Idioten, die es überall gibt. Meine Wegbegleiter, ohne die ich es vielleicht nicht gepackt hätte. Die Unterstützung durch meine Silka, die immer hinter mir stand, die mich immer auch in schlechten Phasen zu motivieren wusste, die Verständnis hatte und die mich nie ein schlechtes Gewissen haben ließ. DANKE, ich würde dich wieder heiraten!

Der Verschleiß war der Wahnsinn: 5 gewechselte Bremsbacken (3 vorn, 2 hinten), ein verschlissenes Paar Handschuhe, ein komplett tot gefahrener Antrieb, verschlissene Fahrradgriffe, ein kaputtes Zelt, eine durchgesessene Radhose, 2 gut runter gefahrene Mäntel. Der Arsch war zwischendurch auch am Ende, da wächst aber alles wieder zusammen, später. Ich habe 0 Kilo verloren, wiege exakt so viel wie am 1. Tag. Aber die Verteilung hat sich verschoben. Kaum Fett am Körper, einen Oberkörper wie ein 13-jähriger, vorher immerhin wie ein 15-jähriger. Sehnige Beine, keinen Po mehr. Ansonsten fühle ich mich fit wie nie, bin bei bester Gesundheit und ziemlich nah dran an perfekter seelischer Gesundheit. Ich schlafe abends ohne Sorgen ein.

Das wars von mir. Nochmal schreibe ich so einen Blog nicht. Tschüss. In diesem Sinne: Haut rein! Over and out…

8 Kommentare

  1. Danke! Dein Blog war großartig. Habe mich jeden Abend drauf gefreut und eben Tränchen in den Augen gehabt. Angenehm sachlich und emotional. Alles Gute für die Zeit danach!

  2. Ebenfalls DANKE sagen Jan & Jana –
    Blog-Fans seit dem ersten Tag eurer
    Tour ‚de Berlin🚲
    Wahnsinns Leistung von dir und deinen treuen‘ Begleitern‘ – Chapeau👍
    Es war sicherlich ein unvergessliches Abenteuer und ein ‚bisserl‘ Gejammer macht so einen Blog einfach voll sympathisch-authentisch – Lars so bist du halt😊
    Und damit wir uns auch künftig auf unseren Feierabend freuen können, hoffen wir, dass Silka und du vielleicht einen neuen Blog über eure Weltreise startet🤔😉
    Wir wünschen euch viel Spaß beim Planen und senden ganz liebe Grüße aus dem Norden.

  3. Lieber Lars,
    danke für die tollen Blogbeiträge. Die Tour wird dir auf ewig in Erinnerung bleiben! Du tapferes Ding du 🙂
    LG Sophie

  4. Hallo Lars,
    wir werden deinen Blog auch sehr vermissen.
    Aber über ein paar schöne Fotos von eurer Weltreise würden wir uns auch sehr freuen.
    😘
    LG deine Schwester

  5. Eric Mühlpfordt

    25. August 2019 at 14:24

    Hi,Larsi.Auch von deiner Mutsch und von deinem Dat herzliche Glückwünsche zu der von dir vollbrachten Leistung.Wir sind sehr stolz auf dich.Endlich kann deine Mutsch wieder etwas ruhiger schlafen.Du weißt ja sicherlich, dass Muttis sich immer noch mehr Sorgen machen als jeder Andere.Ich musste mir sehr oft den Spruch anhören ,nach wem du wohl geraten bist.Insgeheim macht es mich ja auch ein bisschen stolz. Der Spruch der Apfel fällt nicht weit vom Birnenbaum,trifft wohl doch manchmal zu.Dir und deiner Silka wünschen wir für die nächste Zeit ,Ruhe und Erholung.Für euere geplante Reise alles Gute und kommt gesund und munter wieder zurück.Bis zu unserem nächsten Wiedersehen ,grüßen ganz lieb,Inge und Eric😊😎

  6. Danke euch allen für die warmen Worte. Tut gut!

    Ich werde sicher privat etwas von mir/uns hören lassen. Aber öffentlich wars das von meiner Seite…

    Bis die Tage, ihr Lieben 😃

    • Hoi Lars, met veel plezier las ik je blog en bekeek ik de foto’s. Een mooie bijzondere fietstocht met zn avontuur, gezelligheid maar ook gevaren. Ik vind het heel knap dat je het zo vol kon houden en alle hellingen en dalen ( letterlijk en figuurlijk )nam. Ook ben ik blij dat je veilig thuis bent gekomen. Geniet van deze rust en op naar jullie gezamenlijk reis.

  7. Torsten Johannknecht

    28. August 2019 at 12:30

    Danke für diesen Blog-Eintrag. Und herzlichen Glückwunsch zu der Leistung. Das nimmt dir keiner mehr. Genial.
    Freue mich darauf, möglichst viele der 125 Dönerteller mit Pommes und Salat mit dir zu genießen.

    Nach der Tour ist vor der Tour. Weiter so, mein Freund!
    Grüße bitte.

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