75 km Panorama – Gorges du Verdon

Sonntag, der Tag des Herrn! So ein Tag Pause birgt immer die Gefahr, dass sich der Körper auf ein Niveau herunter fährt, von dem er den nächsten Tag nur schwer wieder auf Betriebstemperatur kommt.

Außerdem gilt es, gut auf sich zu achten. Die Gefahr eines Infektes steigt. Hatte ich mal an der Uni gehört, damals. Irgendwas mit Aktivität vom Parasympatikus und Stress, was den Körper in ständige Abwehrhaltung gegen Krankheit versetzt. Die Fahrer bei der Tour lassen sich an einem Ruhetag auch nicht gehen. Da wird immer eine kleine Runde gekurbelt. Lassen wir die Theorie! Übrigens ist die Kommentarfunktion ab jetzt immer aktiv. Ich freue mich über Rückmeldungen und Anfeuerungen.

Ich habe gestern wenig bis gar nix gemacht. Morgens YOGA, Netflix, Buch, mittags das erste Bier. Die Taschen sind gereinigt, das Material gepflegt, Klamotten alle gewaschen, sogar der Schlafsack riecht wie neu. Am Nachmittag wurde es so heiß, dass ich doch einmal meine Terasse mit Seeblick verlassen habe und runter zum See bin. 500 m Schmetterling raus zur Seemitte, 500 m Freistil zurück. Zumindest dachte ich daran, wie idiotisch das wäre und musste innerlich schmunzeln, als ich auf dem Wasser treibend die zu erklimmenden Kalkwände des Folgetages betrachtete. Es wird hammerhart. 1800 Höhenmeter und 36 Grad Temperatur, erfahrungsgemäß verstärkt der Asphalt das Ganze. Die ganze Woche ist hier Hitze angesagt. Ähnlich wie in Deutschland. Ich denke eben an die arbeitende Bevölkerung…… Reicht!

Ich überlegte hin und her. Machte es Sinn die Etappe zu kürzen? Nein, es stehen die Verdonschlüchte an. Ein landschaftliches Highlight. Also entschied ich mich am Abend bereits so weit wie möglich zu packen. Der Wecker klingelte um 6:20 Uhr. Raus aus den Federn, waschen, Jaqueline satteln und pünktlich um 7 vorm Bäcker stehen. Gedacht, getan! Heute war ich cleverer und kaufte mir gleich noch ein Stück Pizza mit Ziegenkäse und ein Würstchen in Blätterteigmantel für mittags.

Voller Enthusiasmus schon beim Frühstück.

Es ging heut morgen die D957 zurück. Die kannte ich schon von Samstag, die stinkige, volle. Heute um 7:20 ist die Luft rein. Ich kann mich also 10 km auf besagter Straße einrollen und schon einmal bestaunen wo es gleich hoch gehen sollte.

Hier fließt die Verdon in den Stausee. Da hinten oben sollte ich später irgendwo stehen.

In einem Kreisverkehr ging es rechts weg auf die D952. Über 17 km weiter sollte ich, auf unbeschreiblich schöner Strecke, in La Palud-sur-Verdon sein. Es ging 8 % nach oben, unterbrochen von flacheren Passagen. Die Blicke zurück waren schon unglaublich schön. Dann öffnete sich vor mir plötzlich die Schlucht und ich fuhr direkt hinein. Eigentlich etwas peinlich, aber mich überkam hier eine Emotionalität, die mir spontan Tränen in die Augen schießen ließ. Bis hierher bin ich gefahren. Von Bilbao aus. Alles mit Muskelkraft und eisernem Willen.

Der erste Blick hinein in den Grand Canyon der Provence.

Und die Einfahrt.

In dem Moment dachte ich an eine Stelle aus einem Film, den ich absolut mag. Ich verrate nicht welcher. Es kommt zu einem Monolog (hab ich eben nochmal rausgesucht): „…und denn, denn stehste vor Gott dem Vater, stehste, der allens jeweckt hat, vor dem stehste denn, und der fragt dir ins Jesichte: Willem Voigt, wat haste jemacht mit dein Leben?“ Und da kommen wir zu einem Kern der Tour. Der Frage nach dem Warum! Ich habe überlegt, ob ich den Gedanken teile. Aber warum nicht, es soll authentisch bleiben.

Kurz vor 9 stehe ich auf dem ersten Pass. Der Col d’Ayen, mit 1031 m Höhe, ist bezwungen. In Palud-sur-Verdon geht es direkt auf die Panoramastraße D23, die Route de cretes. Sie bedeutete einen Umweg. Eine Extrarunde. Jedoch eine, die es in sich hat. Die Straße war zum Großteil nur in eine Richtung befahrbar. Gespickt war sie mit vielen Aussichtspunkten, welche immer neue Blicke in die Verdonschlüchte boten. Leider knallte die Straße richtig rein. Innerhalb von 6 km schraubte ich mich 500 Höhenmeter nach oben. Passagen von 15 % brannten ordentlich rein. Zudem waren zum ersten mal 30 Grad erreicht und die Sonne brannte erbarmungslos auf den schwarzen Asphalt. Hatte ich schon erwähnt, dass bis hierher fast kein Mensch unterwegs war? Mein früher Aufbruch lohnte sich doppelt. Oben angekommen, auf circa 1300 m Höhe, genoss ich die Ausblicke. Eine Gruppe von circa 20 Geiern (Danke an Sebastian, den alten Hobbyornithologen,fürs Identifizieren) nutzte die Thermik um aufzusteigen. Beeindruckende Viecher sind das. Und so riesige Spannweiten! Die Abfahrt war spannend. Rechts die Kalkwände, links ging es zum Teil 600 m steil nach unten. Ich fuhr extra vorsichtig. Jedes Versteuern wäre unschön ausgegangen.

Ganz netter Ausblick. Wenn man hier eine richtige Kamera hätte…

Am Ende der Runde wollte ich mir im Örtchen eigentlich nur eine Orangina gönnen. Und es passierte etwas außergewöhnliches. Der französische Barkeeper quatschte ein bisschen mit mir. Das Ende vom Lied war, dass ich noch ein Stück Kuchen aufs Haus und eine Kugel Eis bekam. Lag es an meinem bereits abgekämpften Erscheinungsbild, den Salzflecken? Nein, der war einfach nur ehrlich nett. Geht doch!

Lemontarte mit Baiser und Eis. Hmmmmmm…

11:30 Uhr stand ich vorm avisierten Camping. Das konnte es nicht gewesen sein. Außerdem zeigte der Rox mir erst 1300 hm. Was da manchmal schief läuft, bleibt ein Rätsel. Der nächste Supermarkt war sowieso in Castellane, dem offiziellen Ende der Schlüchte. Also fuhr ich auf der D952 gleich noch bis dahin. Und wieder war Panoramastraße angesagt. Es ging immer entlang des Verdonflusses. Lange Kolonnen von Autos schoben sich von hier in die Schlucht. Alles richtig gemacht! Auf halbem Wege wurde es so heiß, dass ich mein Fahrrad die Böschung herunter zum Fluss schob. Von oben sah ich niemanden. Ich hatte meine Badehose tief in der Tasche verstaut. Unten angekommen, sah ich eine Familie im Fluss planschen. Ihr wisst, was kommt. Da mussten sie eben durch. Das Wasser war übrigens verdammt kalt.

In Castellane angekommen ging es zum Einkauf und dann direkt auf den Campingplatz. Ich bezahlte wieder so viel wie 2 Personen mit Wohnwagen. Diskussion nicht möglich. Dafür habe ich einen Pool. Später gibt es Makkaroni mit Bolognese. Heute ist die Bolo aus dem Glas. Eigentlich nicht mein Stil, aber es sollte ja bei dem ursprünglichen Campingplatz keinen Supermarkt geben.

Ich habe bereits 10 km der morgigen Etappe gefahren. Macht auch Sinn. Morgen wirds noch heißer. Da will man nicht zu spät am Pool liegen.

2 Kommentare

  1. Hallo mein Guter,
    anscheinend bist du heute den ganzen Weg auf Fußmatten hoch und runter gestrampelt.
    Hast du den Heiligen Gral eingepackt? Der soll der Geschichte nach irgendwo da unten zu finden sein.
    Hau rein, Nizza ruft!

    „Ab dem Gefreiten beginnt der Darwinismus, aber der Mensch fängt erst beim Leutnant an!“ (Zuckmayer/Hauptmann)
    Reichen deine Kilometer schon für den Offiziersrang?

    • Ich würde sagen, dass ich bei den Unteroffizieren angekommen bin. Nizza ist nah. Und eben doch nur Halbzeit. In Berlin angekommen, sollte es für den Offizier reichen. Schauen wir mal.

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